Bilder der Stille
Frage: Haben Sie schon mal mit jemandem gesprochen, obwohl Sie gar nicht direkt miteinander geredet haben? Dialog bedeutet nicht immer eine direkte Auseinandersetzung zweier Personen. Er kann auch dann stattfinden, wenn man sich nicht gegenübersteht. Wenn man weder miteinander telefoniert und noch miteinander schreibt. Wenn Worte oder Ideen nicht direkt ausgetauscht werden.
Ein solches Zwiegespräch führen die beiden Künstler Robert Scherer und Martin Pohl – wobei Pohl den aktiven Part dieses Gesprächs übernimmt. Mit größtem Respekt antwortet er auf etwas, das über Jahre hinweg unbeantwortet blieb: vier unfertige Leinwände.
Und während Pohl Scherers Materialien neues Leben einhauchte – ein stilles und andächtiges – arbeitete Scherer zuletzt noch mit dem, was ihm geblieben war: mit letzter Kraft, ein paar Kugelschreibern und Büchern. Seine letzten künstlerischen Botschaften hinterließ er wie Notizen, gewohnt kunstvoll.
Ich habe Martin Pohl in seinem Haus in St. Pauls besucht: Wüsste man nicht, dass er hier wohnt, würde man es eben doch erahnen, denn seine Kunst – und jene seines Sohnes – ziert die Wände der Räumlichkeiten. Einige seiner typischen Werke hängen in seinen Wohnräumen, von den meterlangen Gebirgsformationen über seine abstrakten Arbeiten bis hin zur Holzskulptur, die er noch in sehr jungen Jahren angefertigt hat. Gemalt hat er schon immer abstrakt. Zumeist zweifarbige Bilder mit monochromen Untergrund und räumlich aufgetragener Farbe – Linien in Bewegung.
Im Untergeschoss befindet sich sein Atelier – ein weiteres hat er in Wien, denn Pohl pendelt zwischen Großstadt und Südtirol. Martin Pohl spricht mit mir über das, was er erlebt, was er sieht und was er aufsaugt. Über sein Schaffen der vergangenen Jahre und seine aktuellen Werke. Während seine gegenstandslose Kunst eher den Malprozess selbst thematisiert, berichten nun seine neuen Bilder – nämlich jene, die er auf Robert Scherers alten Leinwänden angefertigt hat – auch eine Geschichte. Eine, die Pohl selbst erlebt und gespürt hat.
Die vier Gemälde erzählen von der Stille und dem Frieden an einem besonderen Ort in Brescia: einem Orden, in dem er einst aus beruflichen Gründen über eine längere Zeit verweilte. Die Reduktion auf das Wesentliche und das Sein mitten im Nichts faszinieren Martin Pohl nachhaltig. Indem er das Zimmer malt, in dem er schlief, – ein Raum mit den ungewöhnlichen Dimensionen eines Kubus – und ebenso den langen Gang, durch den er gegangen ist, behält er diesen Ort, der ihn nicht mehr losgelassen hat, in Erinnerung. Der Künstler wählt unterschiedliche Perspektiven des ein- und desselben Raumes und schafft dadurch – man könnte sagen – eine künstlerische Dokumentation dessen, was er vor Ort wahrgenommen hat.
Farblich dominierend: ein zurückhaltendes Weiß, eines, das nicht leuchtet, aber Neugierde schafft. Durch dieses Weiß bleibt alles offen. Eine skizzenhafte, bewusst unfertige Definition, damit „man weiß, worum es geht“, so Pohl. Aus dieser gedanklichen Huldigung dieses für Pohl besonderen Ortes heraus zogen nun Gegenstände auf Robert Scherers bereits vorbehandelte Leinwände ein. Sich zurücknehmend, vorsichtig: Linien, Flächen, Fragmente von Innenräumen: ein Bett, ein Fenster, ein Kästchen, ein Heizkörper, ein Vorhang. Die Dinge verweilen ohne bestimmte Aussage – was bleibt, ist ein schwer beschreibbarer Zustand von Stille. Die Gemälde sind keine klassischen Bilder, sondern „ein Gleichgewicht zwischen zwei Zuständen.“ Der spärliche Farbeinsatz schafft Scherers Originalleinwänden bewusst Sichtbarkeit. Die Leinwand wird zwar nicht mehr thematisiert, bleibt jedoch spürbar als Material und somit als Erinnerungsträger. Es soll durchscheinen, was mal war, aber nicht mehr zur Vollendung kam.
„Ich wollte die Leinwände nicht komplett übermalen“, sagt Pohl. „Wenn ich wie sonst den monochromen Untergrund gemacht hätte, wäre von der Leinwand nichts mehr übrig gewesen. Das war nicht meine Absicht.“ Also arbeitete er langsam, Stück für Stück, hielt das Material in Ehren nutzte und gleichzeitig die Chance, die eigenen Gewohnheiten zur Seite zu legen und Neues zu wagen.
Auch wenn die Bilder unter anderem an seine Serie „museum spaces“ von 2005 und 2007 erinnern, so forderten diese vier Gemälde auf Scherers Leinwänden nun eine für Pohl neue Herangehensweise. Leinwände im Hochformat, vorgrundiert, mit glatter Struktur – die Ausgangssituation: ungewohnt. Doch Ungewohntes spornt dazu an, Neues auszuprobieren. „Das hatte auch eine gewisse Leichtigkeit“, resümiert Pohl, der offensichtlich Gefallen daran gefunden hat. Diese Leichtigkeit ist auch nach 30 Jahren als freischaffender Künstler noch spürbar – und sie scheint ihn zu beflügeln.
In seinem großzügigen Atelier dominiert seine abstrakte Kunst, umso mehr stechen die vier Scherer-Leinwände ganz besonders hervor. Und eine fünfte hängt übrigens auch da. „Die bleibt so, wie sie ist“, sagt Martin Pohl. Denn manchmal bleibt – und reicht vielleicht – auch nur eine Frage. In diesem Fall: Was wäre entstanden, wenn?
Text: Sarah Meraner