Hände, die erzählen

Was passiert, wenn Vater und Tochter erstmals zusammen ausstellen? Ausgehend vom Körper wird die Hand für Anna und Lois Anvidalfarei zum gemeinsamen Ausdruck: ein künstlerischer Speicher von Material, Emotionen und der endlosen Faszination für das menschliche Dasein.


Egal, ob etwas geschrieben, eine Idee skizziert oder etwas gemalt wird: Zuerst ist da immer die Hand – erst dann kommt das Blatt Papier und schließlich der Strich auf diesem Blatt Papier: Für Lois und Anna Anvidalfarei ist die Hand aber nicht nur Mittel zum Zweck, in ihr gehe auch all das über, was Kopf und Bauch einem sagt. „Die Hand ist ein lebendiges Element, ein lebendiges Werkzeug mit eigenem Denken und eigenem Tun“, so Lois. „Egal, was du tust, deine Hand ist immer als erstes da.“ Lois und Anna Anvidalfarei sind Vater und Tochter – und zum ersten Mal begegnen sie sich hier, in der gemeinsamen Ausstellung mans, nicht nur familiär, sondern auch künstlerisch. Aber von vorne.


Für Lois stand schon als Kind fest: „Ich möchte Bildhauer werden. Kunst war für mich immer das, was ich tun musste“, erzählt er, „und zum Glück habe ich das dann auch ausführen dürfen.“ Tochter Anna ist zwischen den Arbeiten ihrer Eltern Lois Anvidalfarei und Roberta Dapunt aufgewachsen, zwischen Sprache und Form, zwischen Poesie und Bildhauerei. Ihre Kindheit war geprägt von Fantasie und Spiel. Lange wollte sie allerdings bewusst einen anderen Weg einschlagen. Wissenschaftlerin wollte sie werden, mit Kunst beruflich nichts zu tun haben. Doch während der Oberschule kam der Sinneswandel. Anna wechselte vom wissenschaftlichen Gymnasium zum Kunstgymnasium. Anfangs widmete sie sich der Malerei, bis sie merkte, dass sie ein anderes Medium brauchte: das Objekt. Ihr Zugang dazu wurde das Nähen. Für ihren Vater war es keine große Überraschung, dass sich Anna schließlich doch der Kunst verschrieben hat. „Ich habe das schon in ihr gesehen, als sie noch ein Kind war. Als Anna dann an der Kunstakademie Wien aufgenommen wurde, war das eine große Freude für uns. Wir wussten: Da gehört sie hin.“


Gemeinsamer Ausdruck

Als die Anfrage für die Ausstellung von Ursula Schnitzer, Kuratorin der Ausstellungsreihe Mamming Now, kam, wusste Lois zunächst nicht, wie seine Tochter auf die Idee einer gemeinsamen Ausstellung reagieren würde. Doch Anna freute sich – und begann unmittelbar zu arbeiten. 

Weil sich beide – sowohl Anna als auch Lois – in ihren Werken mit Körpern beschäftigen, wurde auch schnell klar, dass es in ihrer künstlerischen Praxis Berührungspunkte gibt. Es waren schließlich die Hände, die zum gemeinsamen Nenner wurden – ein Motiv, an dem beide gerade auf ihre ganz eigene Art und Weise arbeiten. Die künstlerische Auseinandersetzung nicht nur mit sich selbst, sondern mit dem jeweils anderen war für beide spannend und fruchtbar. „Wir haben uns richtig in das Thema hineingesteigert. Es war für uns eine Auseinandersetzung im Kopf und auch im Tun“, sagt Lois. Auch für Anna war der Prozess intensiv: „Es war wirklich interessant und schön“, resümiert sie und unterstreicht, wie besonders die hundertprozentige Konzentration auf das Körperteil Hand für sie und ihren Vater ist. „Für mich ist es spannend, von Zuständen zu erzählen, als wären sie Bühnen, Schauplätze“, so die 30-Jährige, die sich auch in früheren Arbeiten mit Händen, aber auch mit Bauch und Ohren beschäftigte. Warum genau diese Körperteile? „Das macht für mich einfach Sinn – sie sind für mich Orte der Wahrnehmung.“ 


Gips. Stoff. Bewegung.

Für Mamming Now entschieden sich Anna und Lois also für Hände – und für eine Materialität, die das Thema sensibel aufgreift und kommuniziert: Gips und Stoff, Helligkeit, Oberfläche, Struktur und Genähtes – die Kombination aus alledem fühlt sich für das Vater-Tochter-Gespann stimmig an: „Sie passen gut zusammen“, schwärmt Anna. Für Lois Anvidalfarei ist es die erste Ausstellung, in der er – bis auf die große Bronzeskulptur vor dem Eingang des Palais Mamming – ausschließlich Gipsarbeiten zeigt. Normalerweise formt Lois den menschlichen Körper zunächst in Gips und gießt ihn anschließend in Bronze. Eine neue Erfahrung für ihn also, das „Übergangsmaterial“ und nicht das Endresultat auszustellen. 

Die Ausstellung selbst bleibt dabei nicht statisch: Aufgehängte Objekte bringen Bewegung in den Raum, Fotografien und Videoarbeiten erweitern die skulpturalen Arbeiten um neue Ebenen. Das alles wird – so ist Lois überzeugt – „eine Ballung an Energie sein“. Besonders freut er sich über Annas Videoarbeit, die Schwarz-Weiß-Fotografien einer Inszenierung einer Handmaske zeigt und die Ausstellung atmosphärisch verdichtet.


Die Kunst in der Kunst
Zwischen Vater und Tochter herrscht spürbar gegenseitige Wertschätzung. Anna bewundert Lois’ präzise Auseinandersetzung mit Form und Formfindung. Lois wiederum staunt über die Leichtigkeit, mit der Anna Ideen entwickelt und weiterspinnt – er bewundert Annas Skizzierungen und das Festhalten von Ideen in ihren „kostbaren Skizzenbüchern“. Die Energie der jüngeren Generation beeindruckt ihn, sagt er lachend: „Sie hat so viele Ideen, die sie aufarbeitet … und wie sie dann zur nächsten Idee kommt! Dafür beneide ich sie sehr, denn für mich persönlich  ist das sehr mühsam.“ Die Zusammenarbeit mit seiner Tochter bereitet Lois große Freude, das sieht und spürt man in seinen Worten. Er wirkt geradezu beflügelt. 


Dass die beiden unterschiedlichen Generationen angehören, ist für die gemeinsame Arbeit ein interessanter Faktor: Kunst – so ist Lois überzeugt – sei bei jungen Kunstschaffenden ein frischer, offener Diskurs, der im Laufe der Lebenszeit verloren gehe. Irgendwann sei es schwierig, sich nicht zu wiederholen. „Ein Freund hat mal gesagt: ,Aller Anfang ist schwer.‘ Aber ich habe ihn korrigiert, denn ich finde: Aller Anfang ist leicht“. Steht man noch am Anfang, sei alles noch neu und man sei noch neugierig. Vielleicht, so sinniert Lois, liegt die Kunst in der Kunst darin, sich diese Frische, diese Neugierde auch im Alter beizubehalten.


Anna hingegen sieht auch die Schwierigkeiten ihrer Generation, mit denen erfahrene Künstler:innen nicht mehr zu kämpfen hätten: diese ständige Sehnsucht danach, schon mehr Werke geschaffen und Arbeiten im Repertoire zu haben, die bereits etabliert sind – um sich freier bewegen zu können und damit eine Ausstellung nicht purer Stress bedeutet. Die Sorge und ständige Unsicherheit, dass etwas nicht gelingt oder es als Künstler:in nicht weitergeht. Die Angst, nicht anerkannt zu werden. Die aktuelle Zeit, die grundsätzlich komplex ist. Die Schwierigkeit, Werke zu verkaufen. Der Druck, der aus alldem resultiert. Dem stimmt Lois zu: „Die Stimmung auf der Welt ist gerade sehr schwierig. Früher, als ich jung war, war das besser – gerade die Kulturwelt wird aktuell finanziell stark eingeschränkt. Während damals eine Aufbruchstimmung spürbar war, wird heutzutage alles infrage gestellt. Nichts mehr ist selbstverständlich, nicht einmal unsere Demokratie.“

Was Anna und Lois Anvidalfarei verbindet, ist vor allem, dass der erste Impuls für eine neue Arbeit „von innen kommt und nach außen geht.“ Ein Bauchgefühl gewissermaßen, das die Richtung vorgibt. „Nur im Kopf geht es bei mir langsamer“, lacht Lois, „da ist meine Tochter viel freier.“ Auch Anna selbst bezeichnet ihren Zugang als spielerisch, bei ihr sei nichts vorprogrammiert. Die Fotografie nutzt sie als zusätzliches Medium, um ihre Objekte zu inszenieren. 


Das Gespür für Körper

Warum aber beschäftigen sich die beiden eigentlich derart intensiv mit Körpern? „Körper sind uns einfach nahe“, sagt Anna. „Das ist das, was wir kennen und womit wir leben. Unsere Körper sind ständig präsent – wodurch sonst sollte ich Zustände erzählen?“ Als klassischer Bildhauer begegne man irgendwann einfach dieser Form, ergänzt Lois: „Ich bin selber Körper, ich spüre ihn. Ich habe schon mit vielen Modellen gearbeitet und in den letzten Jahren war ich mir selbst Modell. Ja, Landschaften und Berge sind schön, aber sie können für mich zum Beispiel nicht mit einer Hand mithalten.“ Dieses Gespür und die starke Affinität zum Körper brachten die beiden also unweigerlich auf diesen Weg.


Anna beschreibt die Hand nun vor allem als emotionalen Schauplatz – zwar kommt die tuende Hand in der Ausstellung auch als Werkzeug vor, aber man könne über sie vor allem auch viele verschiedene Zustände zeigen: die Verzweiflung, das Sich-Weigern, den Größenwahnsinn. „In diesem Zusammenhang habe ich zum Beispiel eine Hand angefertigt, die aufgeblasen ist.“ Dann hat sie noch diese Vorstellung einer Hand, die sich häutet – Hautwechsel als Bild der Identitätskrise und als gleichzeitige Möglichkeit der Identitätsfindung. Auch die Introvertiertheit versuchte Anna in einer neuen Arbeit körperlich sichtbar zu machen: „Ich kann als Mensch introvertiert sein, durch meine Gedanken oder meine Sprache, aber eben auch durch die Hand“, ist die junge Künstlerin überzeugt. „Ich zeige diese Introvertiertheit durch verschiedene Zustände, etwa durch eine Hand, bei der die Finger zurückgehalten werden, aber auch durch eine übertriebene Form, bei der die Finger sich einrollen – und eine noch zugespitztere Form, bei der diese eingerollten Finger in die Länge wachsen. Die Hände selbst liegen auf diesen Rollen, und sie werden durch eine starke Naht zusammengehalten. Es wirkt fast schon wie eine Parodie.“

So wird die Hand in der Ausstellung mans zu weit mehr als einem Körperteil: Sie fungiert als leises Werkzeug, ohne das nichts entstehen kann. Sie ist unvermeidbarer Ausdruck und Reflexion von Emotionen und Befindlichkeiten – und sie ist sichtbar gewordener Dialog zwischen den zwei Künstlergenerationen Anna und Lois Anvidalfarei.



Text: Sarah Meraner
Bild: Anna & Lois Anvidalfarei