Punkt sein
Manchmal, da möchte ich wie ein Punkt sein.
Ich möchte der Punkt am Ende eines Satzes sein. Geschrieben,
gesprochen, gesetzt. So sicher, abschließend. Fixiert. Dorthin
gesetzt, wo der nächste Satz beginnt, ein neuer Absatz, wo etwas
Neues geschwatzt wird. Einfach geschrieben, gesprochen, gesetzt.
Der Abschluss, das gute Ende, der Neubeginn. Geschrieben.
Gesprochen, gesetzt.
Ich möchte der Lichtpunkt sein. Einer, der in der Luft schwebt,
seine Kreise zieht und sieht, was dort unten am Erdboden geschieht.
Oder einer, der am Himmelszelt über dich wacht.
Ich möchte der Fixpunkt am Horizont sein. Jener, der angepeilt
wird, angesteuert. Der die Richtung aufzeigt. Bei dessen Anblick
man schweigt und bei dem man geneigt ist, inne zu halten.
Ich möchte der Dreh- und Angelpunkt sein. Der Kern, Stück für
Stück das Herzstück für jemanden. Der absolute Mittelpunkt.
Ich möchte der Knackpunkt sein, das Aha-Erlebnis. Der Moment, in
dem es Klick macht, der dir sacht gegen deinen Kopf klopft und
dich wachrüttelt.
Ich möchte der Bonuspunkt sein. Das gewisse Extra, das Sahne-
Kirsch-Topping, das kleine Plus, das „Ich darf“, nicht das „Ich
muss“.
Ich möchte der Fluchtpunkt sein. Der Punkt, an dem du deine
Perspektiven ausrichten kannst, der Ort, an dem alle Linien
zusammenlaufen, die zusammenlaufen müssen. Der Ort, an dem
sich Höhe, Tiefe und Breite küssen.
Ich möchte der Punkt am Ende eines Satzes sein. Geschrieben,
gesprochen, gesetzt. So sicher, abschließend. Fixiert. Dorthin
gesetzt, wo der nächste Satz beginnt, ein neuer Absatz, wo etwas
Neues geschwatzt wird. Einfach geschrieben, gesprochen, gesetzt.
Der Abschluss, das gute Ende, der Neubeginn. Geschrieben.
Gesprochen, gesetzt.
Ich möchte der Kritikpunkt sein. Jemand, über den diskutiert wird,
der analysiert wird, der besprochen, der gestochen scharf unter die
Lupe genommen wird.
Ich möchte der Wendepunkt sein. Der Auslöser in deinem Leben,
der dich zum Ändern veranlasst, ein gravierender Einschnitt, dein
allergrößter Schritt. Der Punkt einer Kurve, an dem ein
Richtungswechsel erfolgt.
Ich möchte der richtige Zeitpunkt sein. Nicht das: „Ja, aber nicht
jetzt.“ Niemand, den das falsche Jahr, der falsche Monat, die falsche
Stunde einfach mal nach hinten setzt.
Ich möchte der Anhaltspunkt, ein Eckpunkt sein. Ein Richtwert und
eine Orientierungshilfe, jemand, auf dem man sich stützen kann.
Ein Fingerzeig, ein Kompass – komm und steig auf meine starken
Schultern.
Ich möchte der Aussichtspunkt sein. Der Ort zum Durchatmen und
zum Gedanken-Ausschalten, zum sich klein und dadurch befreit
Fühlen, weil etwas anderes, eine imposante Aussicht größer ist als
man selbst.
Ich möchte der Gesichtspunkt sein. Eine persönliche
Betrachtungsweise, die auf der schwierigen und komplexen Reise
alles simpler macht, schlichtweg vereinfacht, was einem zu schaffen
macht.
Ich möchte der Pluspunkt sein, kein Minuspunkt. Das Gute, der
positive Wert, der Punkt, der am Ende doch mehr Gewicht hat als
das Ungleichgewicht der zwei Pole.
Aber vielleicht möchte ich ja auch …
der Stichpunkt nach dem Doppelpunkt sein, einer von vielen.
Oder der Strafpunkt und von Dämonen getrieben.
Vielleicht der Höhepunkt in deinem eintönigen Leben
und der G-Punkt – und dir alles geben, was du verdammt noch mal
brauchst.
Vielleicht möchte ich der Grenzpunkt sein – der Ort, wo alles endet,
der Streit- und Anklagepunkt. Der Mensch, bei dem Moral
verendet.
Vielleicht gar der Tiefpunkt, der Grund für dein Unwohlsein
oder der Schnittpunkt, an dem sich Hoffnung und
Hoffnungslosigkeit überschneiden.
Nein.
Ich möchte der Punkt am Ende eines Satzes sein. Geschrieben,
gesprochen, gesetzt. So sicher, abschließend. Fixiert. Dorthin
gesetzt, wo der nächste Satz beginnt, ein neuer Absatz, wo etwas
Neues geschwatzt wird. Einfach geschrieben, gesprochen, gesetzt.
Der Abschluss, das gute Ende, der Neubeginn. Geschrieben.
Gesprochen, gesetzt
PUNKT
Dieser Poetry-Slam-Text ist in meiner Anthologie WÖRTER VERNISSAGE zu finden und war mein Beitrag im Halbfinale der Südtiroler Poetry-Slam-Landesmeisterschaft 2021 (Südtirol 1-Ausgabe).